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Vortrag:
CranioSacrale Körpertherapie - "Atem des Lebens"
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© Santosh Weber; Internationales Symposium:
Hyperaktivität, Wahrnehmungs- und Lernstörungen, Düsseldorf,
November 2002
Die Geschichte
Die craniosacrale Therapie oder craniosacrale Osteopathie
hat sich als eine eigenständige Methode mit eigenen
Spezialisierungen aus der klassischen Osteopathie
entwickelt.
Ende des 19. Jahrhunderts fielen William Garner
Sutherland, einem der ersten Schüler der amerikanischen
Osteopathieschule in Kirksville, beim Betrachten eines
menschlichen Schädels die unterschiedlichen Strukturen der
Schädelnähte auf. Seine Aufmerksamkeit richtete sich
besonders auf die Flügel des Keilbeins sowie die Schuppen
der beiden Schläfenbeine. Der Gedanke kam ihm, dass sie
"abgeschrägt sind, wie die Kiemen eines Fisches, die
auf eine Gelenksmobilität hinweisen", einen
gelenkigen, beweglichen Mechanismus für Atmung, einen primären
Atemmechanismus. Bei seinen weiteren Untersuchungen konnte
er Bewegungen der Schädelknochen wahrnehmen, die sich bis
zum Kreuzbein fortsetzten. Diese Bewegungen waren für ihn
wie ein Einatmen und Ausatmen des Schädels, aber anders,
als die Atmung der Lungen. Sutherland baute sich einen Helm,
mit dem er selektiv jeden einzelnen Schädelknochen fixieren
konnte. Je nach Schädelknochen, traten bei ihm
unterschiedliche physische und psychische Veränderungen
auf. Diese Veränderungen und Symptome waren für ihn nicht
nur im Bereich von Kopf, Wirbelsäule und Kreuzbein spürbar,
sondern auch in seinen inneren Organen, wie zum Beispiel im
Verdauungstrakt. Nach dem Absetzen des Helmes verschwanden
die Veränderungen und Symptome wieder. Sutherland
verbrachte viele Jahre damit, den anatomisch-physiologischen
Zusammenhang des craniosacralen Mechanismus detailliert zu
erforschen. Zu Beginn seiner cranialen Studien war er an den
physikalischen Manifestationen der Bewegungen der Schädelknochen
interessiert, der Biomechanik. Als er begann, eine Beziehung
zu den Bewegungsdynamiken des ganzen Körpers, der
Biodynamik, herzustellen, fand er eine Reihe von zusammenhängenden
Pulsationen. Er spürte eine starke aber feine
physiologische Kraft im menschlichen System. Sutherland
erkannte, dass diese Kraft das fundamentalste ordnende und
heilende Prinzip im menschlichen Körper-Geist ist. Er
glaubte, dass dieses ordnende Prinzip erzeugt wird durch
etwas, dass er Breath of Life- Atem des Lebens nannte.
Anfang der 70er Jahren begann der amerikanische Arzt und
Osteopath Dr. John Upledger sich für das craniosacrale
System zu interessieren. Als er bei einer Operation an der
Halswirbelsäule rhythmische Bewegungen des Gewebes, welches
das Rückenmark umschließt, zum ersten Mal sah, war er
fasziniert. Er untersuchte und erforschte das craniosacrale
System weiter und brachte die Bedeutung emotionaler Prozesse
in die craniosacrale Therapie. Upledger war der Erste, der
begann, auch Nicht-Osteopathen in craniosacraler Therapie zu
unterrichten.
Obwohl die craniosacrale Therapie immer noch weitgehend
unbekannt ist, breitet sie sich in den letztem Jahren auch
in Deutschland immer weiter aus. Angewendet wird sie u.a.
von Osteopathen, Ärzten, Zahnärzten, Physiotherapeuten,
Ergotherapeuten, Logopäden, Heilpraktikern und von nicht
heilberuflich Tätigen als Entspannungstherapie.

Das craniosacrale System
Das craniosacrale System (cranium, lat.=Schädel, sacrum,
lat.=Kreuzbein) besteht aus den Schädelknochen, der Wirbelsäule
mit dem Kreuzbein, den Gehirn- und Rückenmarkshäuten und
dem Liquor (der Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit), sowie
den Strukturen zur Produktion und Resorption des Liquors. Es
schützt das Gehirn- und Nervensystem vor Erschütterungen
und Verletzungen, es dient auch als Nahrungs- und
Transportsystem. Weiterhin steht das craniosacrale System
mit anderen Systemen in Verbindungen, welche es beeinflusst
und durch die es selbst wiederum beeinflusst wird: dem
Nervensystem, dem Muskelskelettsystem, dem Gefäßsystem,
dem Lymphsystem, dem endokrinen System und dem
Respirationssystem.
Die rhythmischen Bewegungen, die Sutherland vom Schädel
bis zum Kreuzbein spüren konnte, entstehen durch die
Eigenbewegungen des Gehirns und das Fließen des Liquors in
dem Membransystem von Gehirn- und Rückenmarkshäuten. Eine
gleichmäßige und wellenförmige Bewegung überträgt sich
vom Schädel auf das gesamte craniosacrale System. Von dort
setzt sich die Bewegung fort über das Skelett und das
Bindegewebe und weiter auf den ganzen - zum größten Teil
aus Wasser bestehenden - Organismus. Die Fähigkeit eines
Gewebes, diese natürlichen rhythmischen Bewegungen auszudrücken,
ist ein Faktor, der den Zustand unserer Gesundheit bestimmt.
Die Bewegung wird auch als craniosacraler Rhythmus
bezeichnet.
Ein geübter Craniosacral-Therapeut kann die rhythmischen
Bewegungen am ganzen Körper ertasten. Veränderungen,
Asymmetrien und Einschränkungen in den Bewegungen deuten
auf Veränderungen oder Störungen im Körper hin. Diese können
im Bereich der knöchernen oder bindegewebigen Strukturen
des craniosacralen Systems liegen, aber auch in angrenzenden
Strukturen wie Muskeln, Gelenken oder Organen. Die Ursachen
sind unter anderem oftmals Unfälle, Operationen,
Vernarbungen, entzündliche Prozesse,
Muskel-Skelett-Probleme aber auch psychosomatische Probleme
und Stress. Dabei kann der Zeitpunkt einer Verletzung oder
Veränderung auch schon längere Zeit zurückliegen.

CranioSacrale Körpertherapie bei Kindern
Bei Erwachsenen besteht der Schädel, in dem sich das Gehirn
befindet, aus 7 einzelnen Knochen. Bei einem Neugeborenen
bestehen einige Schädelknochen noch aus mehreren Teilen,
und deshalb beträgt die Anzahl der Schädelknochen 16.
Diese 16 Knochenteile sind sehr flexibel über Knorpel und
Bindegewebe miteinander verbunden. Zusammengehalten werden
sie vor allem durch die innen dem Schädel anliegende harte
Gehirnhaut, die Dura mater. Darunter liegt die
Spinnwebshaut, die Arachnoidea, und in dem Raum unter der
Arachnoidea, dem Subarachnoidalraum, fließt der Liquor. Man
kann sich vorstellen, dass die 16 kleinen Schädelknochen
sich auf dem Liquor wie 16 kleine Eisschollen bewegen.
Allerdings sind diese kleinen Eisschollen sehr leicht
verschiebbar. Die gleichmäßige Verteilung kann sich verändern,
die Knochen bzw. Knochenteile schieben sich unter- und übereinander,
die Schädelnähte werden ineinandergepresst, wenn äußere
Kräfte auf sie einwirken. Äußere Kräfte wirken auf die
Schädelknochen schon in der Schwangerschaft z.B. bei
Lageanomalien ein, während der Geburt, um durch den
Geburtskanal zu kommen, aber auch durch Unfälle, Stürze
oder Operationen.
Zum Zeitpunkt der Geburt ist die aus 13 Knochenteilen
bestehende Schädelbasis besonders leicht durch starke äußere
Kräfte Verformungen ausgesetzt. Verformungen des
Hinterhauptsbeins, Os occipitale, im Sinne einer Verdrehung
oder Kompression haben meist auch eine Verdrehung und
Fixierung im oberen Kopfgelenk, d.h. im Gelenk, welches das
Hinterhauptsbein mit dem obersten Halswirbel, dem Atlas,
verbindet, zur Folge.
Die Verformungen und Verdrehungen sind in der Regel
reversibel. Treten bei der Geburt aber Komplikationen auf,
zum Beispiel, wenn die Geburt sehr lange dauert, ein
Stillstand beim Geburtsvorgang auftritt und Hilfsmittel wie
eine Saugglocke oder eine Zange angewendet werden, sind die
Verformungen meistens stärker und nicht immer von sich aus
reversibel. Dabei sind nicht nur die Schädelknochen selbst
betroffen, sondern oftmals auch die Wirbelsäule bis
hinunter zum Kreuzbein, sowie die Gehirn- und Rückenmarkshäute,
oder auch das Gehirn selbst. Prophylaktisch kann eine
craniosacrale Behandlung sinnvoll sein nach einer Frühgeburt,
bei Umschlingungen der Nabelschnur, Sauerstoffmangel unter
der Geburt und einem zu schlaffen Tonus oder Hypertonus der
Muskulatur des Kindes nach der Geburt. Auch ein
Kaiserschnitt, eine sehr schnelle Geburt sowie nach der
Geburt erlebte Unfälle, Stürze und Operationen können
Auswirkungen auf das craniosacrale System haben.
Erst im Alter von ca. 5-7 Jahren ist die Zahl der Schädelknochen
eines Kindes wie bei einem Erwachsenen. Die Ausbildung der
Schädelnähte ist mit ca. 12 Jahren abgeschlossen. Ab
diesem Zeitpunkt sind die Schädelknochen ein
strukturgebender Anteil des Kopfes. Die gesamte Entwicklung
der Knochenentwicklung im Körper ist mit ca. 28 Jahren
abgeschlossen.
Bei hyperaktiven Kindern und Kindern mit Wahrnehmungs-
und Lernstörungen werden sehr häufig Veränderungen im
craniosacralen System beobachtet. Verformte und verschobene
Schädelknochen, sowie zu große Spannungen in den Gehirn-
und Rückenmarkshäuten verursachen Spannungen im Kopf und
im ganzen Körper. Die Beweglichkeit der Schädelknochen ist
oftmals eingeschränkt, das obere Kopfgelenk verdreht oder
fixiert. Verdrehungen und Verkürzungen der Rückenmarkshäute
sowie Einschränkungen in der Beweglichkeit und damit auch
in der Funktion der Organe können auftreten.
Schon William G. Sutherland entwickelte Techniken zur
Behandlung von Kindern, unter anderem zur Behandlung der Schädelknochen,
der Kopfgelenke, der Hirnhäute und der Flüssigkeiten wie
dem Liquor. Es sind aber nicht allein die Techniken, die bei
einer Behandlung wichtig sind. Vielmehr ist die Behandlung
eine Kommunikation zwischen dem Therapeuten und dem Kind,
wobei beide Kommunikationspartner die Ebene der
Kommunikation bestimmen. Aber insbesondere Kinder lassen
sich eine Kommunikation nicht aufzwingen. Es hängt von dem
Feingefühl und der Aufmerksamkeit des Therapeuten ab,
inwiefern eine Kommunikation möglich ist. Bei jeder
Anwendung einer craniosacralen "Technik" muss der
Therapeut beobachten, ob und inwieweit ein Kind und sein
System Veränderungen annimmt und integriert. Dabei ist er
oft auf nonverbale Anzeichen angewiesen. Die Veränderungen
und die Qualität der rhythmischen und wellenförmigen
Bewegungen des Gehirns und Liquors, die am ganzen Körper
ertastet werden können, spielen dabei eine wichtige Rolle.
Es kommt darauf an, die kleinsten Veränderungen, die einen
Hinweis darauf geben, ob eine Kommunikation noch besteht,
wahrzunehmen und zu respektieren.
Eine Behandlung der Eltern unterstützt oft die
Behandlung des Kindes.

Weitere Anwendungen der CranioSacralen Körpertherapie
Craniosacrale Körpertherapie wird weiterhin angewendet bei
Schreikindern, Kindern, die keinen Schlafrhythmus finden,
Skoliose, Kindern mit Cerebralparese oder Immunschwächen.
Erkrankungen des Zentralnervensystems, wie Morbus
Parkinson, Multiple Sklerose, Folgen von Schlaganfällen,
Neuralgien oder Migräne. Auch rheumatische Erkrankungen,
Tinnitus, Hörsturz, Bandscheibenvorfälle, Ischialgien,
Kieferfehlstell-ungen, postoperative Schmerzzustände,
Traumata (z.B. Schleudertrauma) werden mit craniosacraler
Therapie erfolgreich behandelt. Bei gesunden Menschen wird
die Belastbarkeit und die Konzentrationsfähigkeit erhöht.
Die sanften und respektvollen Berührungen, sowie die Stille
der Behandlungen führen oft dazu, dass ein Zustand von
Tiefenentspannung sehr schnell erreicht wird.

Literatur
John E. Upledger Auf den inneren Arzt hören -
Eine Einführung in die KranioSacral-Arbeit Sphinx Verlag,
Basel/Schweiz
John E. Upledger, J.D.Vredevoogd Lehrbuch
der Kraniosakraltherapie Haug Verlag, Heidelberg
Anthony Arnold Rhythmus und Berührung -
Eine Einführung in die CranioSacral Therapie Wilhelm
Goldmann Verlag, München
Hugh Milne Aus der Mitte des Herzens
lauschen - Eine visionäre Annäherung an die
Craniosacralarbeit Verlag Via Nova, Petersberg
Nicette Sergueff Die Kraniosakrale
Osteopathie bei Kindern Verlag für Osteopathie, Dr. Erich Wühr,
Kötzting/Bayer. Wald
Thomas Harms Auf die Welt gekommen - Die
neuen Baby-Therapien Ulrich Leutner Verlag, Berlin.
Juan A. Lomba Craniosacrale Osteopathie in
der Kinder und Erwachsenenpraxis Richard Pflaum Verlag GmbH
u. Co. KG, München
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